Eine Bewegung sucht ihre Identität


Ökounternehmen stellen sich heute professioneller auf, aber das Design ist nicht immer besser. Es ist auch nicht typischer sondern angepasster und weniger individuell. Die raue Kost aus den 70ern und 80ern wird zur Feinkost. Öko wird zum Lifestyle und zum Trend. Ein „Grünes“ Unternehmen aber muss anders sein.

Mit der Erstellung von Schildern für den Bioland-Marktstand meines Onkels bekam ich 1979 meinen ersten kleinen Öko-Auftrag. Die Warenschilder habe ich von Hand gemalt: umrandet in zwei typischen hell- und dunkelgrünen Tönen, die Warenangebote mit Buchstabenstempeln und wasserfester Farbe aufgestempelt. Die Schrifttype war schnörkellos sachlich, Helvetica ähnlich. Etwas anderes stand auf dem überschaubaren Markt plakativer Buchstabenstempeln auch gar nicht zur Auswahl. Die Texte hätte ich auch von Hand auf die üblichen schwarzen Tafeln schreiben können, doch sie sollten gut lesbar und irgendwie professioneller und anders als die Schilder der anderen Händler sein.

In meiner Ausbildungszeit lernte ich Schriften in die wesentlichen 12 Gruppen einzuteilen. Zu den Antiqua-Varianten, den plakativ, dekorativen Schriften, gehört auch die Öko-Schrift, wenn es diese damals bereits gegeben hätte. Doch die Öko-Bewegung war noch jung und Typografie so individuell wie die Menschen, die mit Handschrift und Schreibmaschine ihre bunten Flugblätter, Handzettel und Veranstaltungsplakate gegen die Betreibung von Atomkraftwerken oder zu den Ostermärschen und gegen die Stationierung todbringender Pershing-Raketen aufriefen.
Die einzige Satzschrift, die annähernd der Idee einer Öko-Schrift in jener Zeit hätte gerecht werden können, hieß „Hobo“ und erinnert an eine Jugendstil-Variante. Und es gab noch die typische Weleda-Schrift oder auch Waldorfschrift, eine Schrift ohne parallele Linien, dynamisch, etwas holzig und schwer lesbar.

Während des Studiums begegnete ich Walther Roggenkamp, dem tonangebenden Grafiker und Schriftdesigner, in der Anthroposophie. Bei ihm ging ich sozusagen noch einmal in die Lehre, lernte Texte mit Pinsel und Stahlfeder zu schreiben und auch die typische „Szeneschrift“ für die individuellen Buchtitel, Werbeplakate, Verpackungen und Schrift-Logos zu malen.
Schriften teilte Walther Roggenkamp in drei wesentliche Gruppen: die Schreibschriften, die linear konstruierten und damit toten Schriften sowie die lebendigen Schriften, dynamisch gemalt, basierend auf einem goetheanistischen Gestaltungsimpuls.

Die dynamische Schriftkunst in der Anthroposophie blickt auf eine fast einhundertjährige Tradition zurück, auf einen künstlerischen und ganzheitlichen Gestaltungsimpuls von Rudolf Steiner, abgeleitet von Goethes naturwissenschaftlichem Denken und der Gesamtkunstwerk Idee.

Walther Roggenkamp hat auf der Basis des goetheanistischen Gestaltungsimpuls in den Jahren 60 – 80 eine typische und einzigartige Grafik für die Weleda AG, Beutelsbacher, Demeter, Helios, Bauck, Sonett, Cohrs, Kunst und Spiel geschaffen, für Unternehmen die anthroposophisch geführt wurden und die wir heute durchaus zu den ersten Öko-Unternehmen zählen dürfen. Diese Unternehmen waren aber mehr als nur Ökos, denn ihre Weltanschauung ist Philosophie, Kunst, eine Lebenshaltung, ist Ganzheitlich, ist die Anthroposophie.

Mit dem ersten Computer 1987 kamen dann eine Vielzahl von Satzschriften in meine bescheidenen Atelierräume in Freiburg. 1987-1990 hatte ich fünf typische Alphabete für Walther Roggenkamp neu gezeichnet und anschließend für den Computersatz digitalisiert. Die Schriften, die jahrzehnte lang gemalt wurden, bei denen jeder Buchstabe individuell, fein ausgewogen zum vorausgehenden sowie dem nachfolgenden passte, wurden jetzt gesetzt. Das computergesetzte Schriftbild erscheint statischer, weniger künstlerisch lebendig und kann auch durch gewolltes verzerren nicht dynamischer werden. Wir hatten jedoch die Schrift für Jedermann kreiert und versuchten durch eigens angefertigte Gestaltungsmuster den Geschmack zu schulen um den selbsternannten neuen Computer-Typografen professionelle Anregungen zu geben. Das diese Schriften nicht das Wundermittel für lebendiges und besseres Design waren, zeigten uns die Drucksachen der Anwender.

Für die Designs meiner Öko-Kunden verwende ich die RO.Schriften nicht automatisch, denn mit diesen Schriften verbindet man eine Grundphilosophie, die Zugehörigkeit zur großen anthroposophischen Familie, den Waldorfschulen, den Behinderteneinrichtungen, den unzähligen Unternehmen, dem Goetheanum – Veranstaltungsort für Kultur und Geisteswissenschaften und Sitz der Gesellschaft.

Mit mehr als 10.000 Schriften und Schriftmodifikationen wird der Markt heute überschwemmt und täglich werden es mehr. Da sollte es doch auch typische Öko-Schriften geben?
Doch was ist eine typische Öko-Schrift?

Meine Kollegen aus den Werbeagenturen setzen Schriften mit Schreibschriftcharakter ein, um natürliches, authentisches zu schaffen. Ich beobachte auch Tendenzen, das Pure durch einen Stempelschrift-Charakter zu erzielen aber auch Öko-Produkte gar ganz sachlich mit serifenlosen Linearschriften zu stylen. Eine Schrift alleine macht jedoch noch kein ökotypisches Design aus. Farbe, Form und nicht zuletzt die zugrunde liegende Unternehmensphilosophie geben den unverwechselbaren Style eines Corporate Design und schaffen eine Öko-Kultur.

Während die neuen „Grünen“ sich in einem nüchternen Öko-Livestyle in frischem fast schreienden grün und sauberem weiss sowie einer sachlicher Typografie auf dem Markt präsentieren, hat eine andere Bewegung den Retrolook in gedeckten, natürlich wirkenden Farben aus Rotbraun, Ocker, Elfenbein und Olivegrün mit antiquierter Stempelblockschrift oder Handschriftanmutung, rauh und konsequent auf 100% Recyclingpapier gedruckt, für sich entdeckt.
Beides passt zu der jeweiligen Zielgruppe, denn Öko ist voll im Trend jung und innovativ, ist stylisch, gehört für eine junge und erfolgreiche Zielgruppe zum guten Ton. Gleichzeitig ist die Öko-Bewegung über 30 Jahre alt, ist Tradition und steht für reine, unverfälschte Werte und Waren.

Bei den Pionieren der Ökobewegung sucht man heute hingegegen ein der Tradition angemessenes und typisches Öko-Design welches Philosophie und Geschichte transportiert vergeblich. Die über 30-jährige Tradition wurde hier zugunsten einer Anpassung an ein konventionelles und charakterloses Design getauscht.

Die anthroposophisch geführten Unternehmen, bei denen die Geisteshaltung die Gestaltung von Grafik und Typografie bereits vorgibt, sind eine weitere und eigenständige Gruppe mit der wohl längsten Tradition.

In einer letzten Gruppe möchte ich all die Supermarkt-Produkte zuordnen, die durch das Bio-EU-Siegel auf wundersame Weise zu besseren Waren werden. Von Transparenz und Authentizität in der Gestaltung sowie der Warenproduktion ist nichts zu erkennen. Woher soll auch das „Öko“ kommen, wenn das formulierte Ziel es ist, auf der Öko-Welle mitschwimmend, gutes Geld zu machen.

Siehe auch
„Beispiele typischer Öko-Designs“
„typisches Öko-Design von heute“

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